Nischemusik, #metoo und ein Erklärungsansatz

Sarah Maria Sun ist eine der führenden Interpretinnen zeitgenössischer klassischer Musik. Sie tritt als Solistin auf und stand mit Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Kent Nagano oder Thomas Hengelbrock auf der Bühne. Zudem gibt sie Meisterkurse für Vokalmusik des 20. und 21. Jahrhunderts und hat sich im autonomen Frauenhaus in Stuttgart ehrenamtlich engagiert.

Ich habe Sarah Maria Sun zum Interview getroffen. Wir sprechen darüber, was ihre Arbeit in der E-Musik charakterisiert und wie sie mit viel Arbeit und Networking dahin gekommen ist, wo sie heute steht. Außerdem erzählt sie von ihrem ehrenamtlichen Engagement und ihrem Standpunkt in der #metoo Debatte.

„Es war ein großes Bedürfnis, dauernd Musik zu machen.“

Ihr erstes Instrument war die Gitarre. Schon mit 6 oder 7 Jahren wurde klar, dass bei Sarah Maria Sun Musik mehr ist als nur ein Hobby. „Mein damaliger Gitarrenlehrer hat gleich geschnallt, dass da emotional so viel bei mir passiert, wenn ich Musik mache“, sagt sie. Mit 15 hatte sie das klassische Gitarrenrepertoire einmal komplett durchgespielt. Sie habe schon gesungen, bevor sie laufen konnte, erzählt Sarah. Mit neun Jahren bekam sie Gesangsunterricht. Heute umfasst ihr Repertoire neben zahlreichen Liedern, Opern und Oratorienpartien etwa 700 Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts. Doch das Repertoire erscheint unendlich. „Man ist froh, wenn man in seinen Lebensjahren einen winzigen Teil davon beackern kann. Ich versuche soviel wie möglich kennenzulernen und durch mich durchgehen zu lassen.“

Milestones, Namedropping, Networking

Mit 17 Jahren begann Sarah Maria Sun in Köln Gesang zu studieren. Seit 1999 bewegt sie sich als selbstständige Künstlerin in der Musikbranche und hat mit vielen berühmten Musiker*innen zusammengearbeitet. Ihre größten persönlichen musikalischen Meilensteine, z.B. die Arbeit mit dem „Gott der Oboe“ Heinz Holliger, seien nicht unbedingt karrieretechnisch am wichtigsten gewesen. Da habe ihr die Zusammenarbeit mit großen Namen der klassischen Musikszene natürlich geholfen. „Im Rückblick würde ich sagen, dass sich bestimmte Weichen durch viele kleine Dinge gestellt haben“, sagt Sarah. Mittlerweile hat sie sich ein breites Netzwerk erarbeitet und die Angebote und Engagements ergeben sich von selbst. Das ist das Ergebnis von Sarahs Fleiß und harter Arbeit, d.h. jahrelanges Klinkenputzen, Self-PR und 100-Stunden-Wochen. Die PR-Arbeit macht heute eine Freundin. Zudem arbeitet sie seit Kurzem mit einer Agentin zusammen, die Recherche, Akquise und das Auftragsgeschäft übernimmt. In ihrer Karriere habe sie natürlich auch viele Enttäuschungen erlebt. „Jedes Mal, wenn man abgelehnt wird, fühlt man sich am Boden zerstört“, sagt Sarah. Was ihr geholfen hat, sind ihre eigene Widerstandsfähigkeit, die Unterstützung ihrer Familie und Freunde und vor allem die große Liebe zur Musik.

Nischenarbeit = „Kein Justin Timberlake Song“

Schon während ihres Studiums entstand Sarahs Begeisterung für die spezielle Nische, für die sie heute berühmt ist: die neue Musik. Das Publikum für diese musikalische Richtung ist begrenzt. Die neue Musik erfordert sowohl von Sarah als auch von ihren Fans besondere Beharrlichkeit: „Die neue Musik ist manchmal sehr kompliziert, sehr sperrig und oft sehr politisch oder man muss sich damit viel beschäftigen. Das erschließt sich einem nicht so schnell wie ein Justin Timberlake Song.“ Sarah muss mehr arbeiten als andere Sänger*innen, da die Gagen und Förderungen in ihrer Nische geringer sind. Dennoch ist sie jeden Tag dankbar dafür, dass sie von ihrer Musik leben kann. „Ich darf das machen, was ich am liebsten mache und verdiene damit mein Geld.“

„Dafür wird man nicht mehr bezahlt.“ – Von kleinen Pressauflagen & Digitalisierung

Sarah erzählt, dass sie immer bis zu fünf Jahre vorplant und gleichzeitig an 20 bis 30 Projekten arbeitet. Ihre Haupteinnahmequelle sind und waren schon immer Konzerte und Bühnenstücke. Sie bringt zwar auch CDs mit eigenen Programmen heraus, im Jahr 2017 waren es sechs CDs. Doch sie sagt, die CDs müsse sie mittlerweile mitfinanzieren, da die Labels das nicht mehr könnten. Zum Zeitpunkt, als Sarah aus dem Studium kam, existierten die großen Plattenfirmen bereits aufgrund der Digitalisierung nicht mehr. Sie arbeitet mit keinem festen Plattenlabel zusammen, es ist mit ihrer speziellen Nische nicht möglich. Genau das bietet ihr jedoch kreative Freiheit. „Ich kann mir den Kopf heiß diskutieren mit Leuten und zusammen wilde Programme entwickeln“, erzählt sie begeistert. Die Pressauflagen von CDs in der neuen Musik schätzt sie auf regulär ca. 1.000 Stück, was sich natürlich nicht mit den Auflagen von Popgrößen vergleichen lässt. Sarah empfindet die Digitalisierung auch als vorteilhaft. Heute sei es vielen Menschen möglich, ihre Musik zu hören, die sie ohne das Internet nicht wahrnehmen könnten. Trotzdem sieht sie den Bedarf an der Verbesserung der Gesetze im Hinblick auf die Streamingdienste.

Geschlechterverständigung & #metoo Debatte

In ihren Zwanzigern engagierte sich Sarah im autonomen Frauenhaus in Stuttgart. Es geschah aus dem Impuls heraus,

etwas für die Geschlechterverständigung zu tun und aufgrund eigener Erlebnisse von sexuellen und gewalttätigen Übergriffen von Männern – auch innerhalb der Musikbranche. Ihre ehrenamtliche Arbeit bezeichnet sie als „mit das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe“. Im Zuge dessen lernte sie das Männerinterventionszentrum in Stuttgart kennen, das männliche Gewalttäter therapiert und begleitet. Sie kam zu der Einsicht, dass viele der Täter einen Gewalthintergrund mitbringen und erfuhr, wie sich Opfer zu Tätern entwickeln. So konnte sie ihre eigenen Hass und ihre Ängste überwinden. Die aktuelle #metoo Debatte sieht sie als einen wichtigen Schritt zur Veränderung in der Gesellschaft. „Wir müssen dafür sorgen, dass Männer nicht mehr übergriffig werden“, sagt sie mit Nachdruck. Empathie für alle! Auf meine Frage, was sich Sarah Maria Sun wünschen würde, antwortet sie: „Ich wünsche mir Empathie. Es ist eine Qualität, die wir vertiefen sollten.“ Dem bleibt nichts hinzuzufügen!

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