„Die Musikszene in Brandenburg wird unterschätzt!“

Franziska Pollin ist Projektleiterin der Popularmusikszene im Land Brandenburg. Sie macht Netzwerkarbeit, betreut Projekte, gibt Informationen weiter und ist regionale Ansprechpartnerin für Musiker*innen und Musikschaffende. Im Podcast-Interview haben wir über die infrastrukturellen Gegebenheiten eines Bundeslandes gesprochen, das vom Leben und Treiben der Hauptstadt überschattet wird. Franziska erzählt, was Brandenburg besonders macht und stellt den POPUP Kongress vor. Eine Pflichtveranstaltung für alle Musikerinnen und Musiker vom 22. bis 23. März 2018 in Potsdam!

Lobbyarbeit für die Popmusikszene

Franziska arbeitet seit 2016 als erste Popularmusikbeauftragte im Land Brandenburg. Sie ist gleichzeitig Projektleiterin, Netzwerkerin, Informations- und Servicestelle sowie Sprachrohr für ihre Lobby, die Popularmusikszene. An sie können sich Musiker*innen, Bands, Tonstudios, Labels und Veranstalter wenden – mit Fragen zu Förderungen, Auftrittsmöglichkeiten und den Anlaufstellen rund um das Musikbusiness in Brandenburg. „Die Musikszene lebt nicht nur davon, dass Bands vor Ort sind, sondern dass sie auch ‚verwertet‘ werden. Dass sie ihre Platte aufnehmen, auf Tour gehen können, Auftrittsmöglichkeiten haben“, sagt Franziska. In Brandenburg müssen jedoch erst die Strukturen gebildet werden, die in anderen Bundesländern bereits vorhanden sind. Ihr Aufgabenfeld sei so umfangreich, dass es sich nicht auf einen Begriff auf einer Visitenkarte fassen lasse. Ihr täglicher Workload reiche für zwei weitere Vollzeitstellen. Nur für bestimmte Projekte (z.B. den POPUP Kongress) arbeitet Franziska mit freien Honorarkräften.

Poplandkarte Brandenburg: Forderungen & Förderungen

„Es ist nicht nur eine Bundesaufgabe, Popularmusik zu unterstützen, sondern auch Länderaufgabe“, sagt Franziska. Ihre Stelle wurde aus der Forderung der regionalen Popmusikszene heraus geschaffen, um diese zu stärken und sichtbar zu machen. Franziska ist beim „LAG SozioKultur Brandenburg“ angestellt, der auf Landesebene vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Potsdam gefördert wird. Für die Strukturförderung unter dem Programmtitel „ImPuls Brandenburg“ kommen Gelder über die Initiative Musik aus Bundesmitteln. Damit entwickelt und realisiert Franziska Projekte in den drei Arbeitsfeldern Vernetzung, Auftrittsmöglichkeiten und Professionalisierung.

Als Lobbyistin für die regionale Popmusikszene hat Franziska die Poplandkarte Brandenburg entwickelt, die die Geographie des brandenburgischen Musikbusiness’ spiegelt. Die Poplandkarte soll laut Franziska die digitale Vernetzung der Branche vorantreiben. Es ist eine dynamische Karte, die sukzessive wachsen soll. Hier können sich Musiker*innen und Musikschaffende online registrieren. Gelistet werden Veranstalter, Tonstudios, Proberäume, Labels, Förderinstitutionen und Bildungsstätten. Festivals sind bisher am stärksten vertreten, andere Bereiche, z.B. Labels, sind noch dünn besiedelt. „Wenn eine Band ihre Platte aufnehmen will, ist die Verlockung groß, sich in Berlin jemanden zu suchen,“ erklärt Franziska. In Berlin ist das Angebot an Tonstudios, Labels, Bookingagenturen etc. groß. Das gibt es in Brandenburg (noch!) nicht in dem Umfang.

Festivalland Brandenburg vs. Clubhauptstadt Berlin

Brandenburg ist infrastrukturell anders als Berlin, hier müssen z.T. weite Fahrtwege zurückgelegt werden. Es geht Franziska in ihrer Arbeit darum, die regionalen Möglichkeiten sichtbar zu machen und strategisch zu überlegen, welche Branchenbereiche in Brandenburg gefördert werden sollten. Die Förderung auf Landesebene ist in Berlin viel stärker entwickelt als in Brandenburg. Es gibt das Musicboard Berlin, die Clubcommission Berlin und die berlin music commission, die mit Landes- und Senatsgeldern gefördert werden. Die Berliner Club- und Musikszene hat es geschafft, ihre Wirtschaftlichkeit und Wertschöpfungskette öffentlich zu machen. In Brandenburg fehle noch das Verständnis für die Szene und dass das Wirtschaftsministerium ihr Potential erkenne. Franziska sagt: „Wir brauchen zum einen Künstlerförderung und im gleichen Zuge eine Förderung für kreativ und wirtschaftlich Arbeitende, z.B. Festivalförderung.“

Brandenburg ist ein Flächenland und bietet damit Raum für Festivals und Open-Air-Konzerte. Viele regionale Veranstalter sind seit langem im Bundesland erfolgreich. Doch auch für die Berliner Musikschaffenden liegt Brandenburg „vor der Haustür“ und ist als Ort für Festivals attraktiv. Konkurrenzgedanken im Hinblick auf Berlin sieht Franziska eher kritisch und wird mittlerweile ungern auf den satirischen Song „Brandenburg“ von Rainald Grebe angesprochen (Hier geht es zum YouTube Video). Sie möchte weg von Konkurrenzgedanken im Hinblick auf Berlin und sich auf die Stärken und das Potenzial des Bundeslandes konzentrieren. Die Szene verstehe sich wunderbar, es entstehen tolle Kooperationen. Franziska ist mit Initiativen unterschiedlicher Bundesländer vernetzt. „Ich finde es extrem wichtig, sich auszutauschen und miteinander in Kontakt zu sein.“

Was ist eigentlich der POPUP Kongress?

Anlaufstellen für die regionale Popularmusikszene sind bisher der Brandenburgische Rockmusikerverband sowie der Landesmusikrat Berlin. Im März 2018 findet an zwei Tagen der POPUP Kongress statt. Hier werden Akteure aus Wirtschaft, Politik und Musikbranche miteinander vernetzt. Die Zielgruppe besteht neben Bands und Musiker*innen auch aus der Verwerterszene, d.h. Veranstalter, Musikspielstätten, Management- und Bookingagenturen, Labels und Tonstudios. Es geht u.a. um Austausch und Weiterbildung zu den Themen Medien, Bildung, Kooperation und Musikwirtschaft. „Wir wollen der Politik zeigen, dass es eine lebendige Szene gibt, dass sie

Forderungen und Wünsche hat und bessere Arbeitsbedingungen braucht“, erklärt Franziska. Als Schirmherrn des Kongresses konnte sie den Brandenburgischen Ministerpräsidenten gewinnen.

Das Thema Gender Diversity in der Musikbranche wird im Programm des POPUP Kongresses in diesem Jahr noch nicht aufgegriffen, doch Franziska will es auf lange Sicht angehen. Als Ex-DJane und Musiksammlerin ist sie erstaunt, „wo die ganzen Frauen in der Branche sind“. In Berlin werde das Thema schon stark angegangen. Es gibt Bookings, Labels und Events speziell für Frauen. Franziska ist bei diesem Thema im Zwiespalt: „Ich finde es super, dass es gemacht wird, aber auch schade, dass es gebraucht wird.“ In Brandenburg müsse erst einmal eine Basis aufgebaut werden, um dann zu schauen, wieviel Raum das Thema einnehmen solle.  

„Es geht schon viel, aber noch nicht genug.“

Momentan ist Franziska noch in der Pilotphase und tariert aus, was die Brandenburgische Musikszene braucht. „Wir brauchen eine Struktur und ich bin der festen Überzeugung, dass das passieren wird. Die Politik hat das schon erkannt“, sagt Franziska zuversichtlich zum Abschluss unseres Interviews. Es brauche noch Geduld, bis die notwendigen Gelder für die Künstler- und Festivalförderung fließen und Künstler*innen direkt finanziell unterstützt werden können. Bis es soweit ist, könnt ihr euch als Musikerin für Tipps und Empfehlungen gerne an sie wenden!