„Hinfallen gehört dazu.“

Jovanka von Wilsdorf ist „Artistprofilerin“ u.a. beim Music Pool Berlin, sie gibt Masterclasses und ist als Songwriterin bei BMG Rights unter Vertrag. Sie hat selbst lange Zeit als Kopf verschiedener Bands, Keyboarderin, Gitarristin und Bassistin ihre eigene Musik gemacht, bevor sie anfing, Musiker*innen in ihrer Kreativität zu fördern und im Songwriting zu unterstützen. Im Podcast-Interview hat Jovanka mir erklärt, wie sich Artist Profiling und Coaching unterscheiden, warum sie „Menschen Leben Tanzen Welt“ von Jan Böhmermann großartig findet und welche Parameter einen Popsong erfolgreich machen können. Ich betone „Können“, weil das Schreiben eines Hits am Ende – wie Jovanka sagt – wie Roulette spielen ist.

Von der Geldmusik zum eigenen Elektropop-Duo

Jovanka beschäftigt sich mit Musik, seitdem sie neun Jahre alt ist. Ihre klassische Gesangsausbildung hat sie in San Francisco vertieft. Bevor sie Anfang der 1990er-Jahre nach Berlin ging, hatte sie mit Künstlern wie Marianne Rosenberg und Joachim Witt gearbeitet, um sich zu finanzieren. „Ich bin nach Berlin gegangen mit der Ansage: Ich werde nur noch von Musik leben, die ich selber mache. Koste es, was es wolle.“

Sie gründete das Elektropop-Duo Quarks, bei dem sie und ihr Bandkollege jedes Instrument weglegten, das sie bereits spielen konnten. „Wir wollten nur Instrumente bedienen, die wir nicht können“, sagt Jovanka. Beim Indielabel „Monika Enterprise“ von Gudrun Gut, das extra für Quarks aufgebaut wurde, veröffentlichte sie einige Platten. Mehr aus Zufall wurde sie später beim Major Label Sony unter Vertrag genommen, um festzustellen, dass die Klischees vom bösen Major und guten Indielabel „großer Käse“ sind. So konnte sie sich durch Plattenverkäufe, Touren, Konzerte und später einen Vorschuss von Sony finanzieren. „Ich habe immer gerne und viel gearbeitet, deshalb kann ich gar nicht sagen, was Geld damals für eine Rolle gespielt hat.“

Die Berliner Musikszene der 1990er-Jahre

Jovanka hat die Musikszene in Berlin nach der Maueröffnung von innen heraus als eine sehr inspirierende Phase erlebt. „Es war eine Zeit, wo unheimlich viele Leute ganz begeistert waren und Musik gemacht haben. Berlin war überschwemmt von Musikern, die überall herkamen.“ Doch sie selbst sagt, dass es für sie nicht die eine Musikszene gibt. Die Indieszene habe immer etwas anderes gewollt als die großen Häuser in der Musikindustrie. Sie erinnert sich daran, dass zur damaligen Zeit noch riesige Vorschüsse von Verlagen und Major Labels gezahlt werden konnten und Bands einfach so für zwei Monate für Studioaufnahmen nach England geschickt wurden.

Berufsbild Nr. 1: Songwriting

Als die Zeit mit Quarks zu Ende ging, bekam Jovanka von Sony das Angebot als Songwriterin zu arbeiten. „Ich wusste vorher nicht mal, dass das ein Beruf ist“, sagt sie. Doch ihr fehlte zunächst das Handwerkszeug, sie kannte die Regeln der Branche nicht und arbeitete im ersten Jahr viel, ohne daran zu verdienen. „Ich hatte vorher nur für mich und meinen Geschmack geschrieben“, erklärt sie. Jovanka entschied sich, nur noch direkt mit Künster*innen zu arbeiten und nicht mehr auf offizielle Pitches zu reagieren, an denen zum Teil 600 Songwriter teilnehmen. Heute weiß sie, dass es wichtig ist, sich in einen Künstler und dessen Sprache hineinzudenken und die Themen und Vorgaben der A&Rs (=Artist & Repertoire innerhalb eines Labels) kreativ aufzunehmen und zu verarbeiten. Ihre Textideen bekommt Jovanka vor allem aus der Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Künstler oder ihr begegnen Wörter, Punchlines oder ein Chorus in ihrem eigenen Alltagsleben. Sie sammelt dieses Material, um es für spätere Songs verwerten zu können. Jovanka liebt es, mit ganz unterschiedlichen Musiker*innen zusammenzukommen und immer neue Geschichten zu hören. „Wenn du für jemanden anders schreibst, geht es nicht um dich.“ Von Sony wechselte Jovanka zu BMG Rights und betreut dort ihre eigene Verlagsedition. BMG verlinkt sie mit Künstler*innen, regelt das Organisatorische mit der GEMA und bekommt dafür einen (kleinen) Prozentanteil ihrer Einnahmen. Auch wenn sie selbst kein großer Fan vom Networking ist, benennt sie es als wichtigen Schlüssel zur Musikbranche.

„Positiv mit Sehnsucht“ oder Die Parameter der deutschen Popmusik

Den Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ von Jan Böhmermann, mit dem er die deutsche Popmusik auf die Schippe nimmt, findet Jovanka großartig. Es sei allerhöchste Zeit für diese Art der Kritik: Die deutsche Popmusik sei stereotyper geworden und sei eine „unheilige GroKo“ mit dem Schlager eingegangen. Jovanka selbst sieht auch die vielen Songcamps kritisch, bei denen das Songwriting nur noch bestimmten Regeln folgt und so immer mehr Singles aus der Retorte produziert werden. Sie glaubt, dass diese Art des Songwritings bald genauso von einem gut programmierten Bot übernommen werden kann. Bei der Frage, welche Parameter einen Popsong zu einem Hit machen, lacht Jovanka auf: „Wenn ich das wüsste, wäre ich die bestbezahlte Frau in Deutschland.“ Dennoch gibt es Regeln: Was heute in Amerika funktioniere, funktioniere in zwei, drei Jahren in Deutschland, erklärt sie. Die deutsche Sprache sei komplexer als die englische, doch ein Song brauche immer etwas Authentisches, das die Leute auf sich und ihr Lebensgefühl beziehen können. Im deutschen Pop bedeute das meistens „positiv, aber mit Sehnsucht“. Ein Hit brauche einen Hook, das heißt, etwas, das leicht ins Ohr hinein, aber schwer wieder herausgeht, eine klare Punchline oder ein Bild, das gut funktioniert. Dennoch sei es wie beim Roulettespiel: „Die Formel gibt es nicht, es muss berühren.“

Berufsbild Nr. 2: Artist Profiling

Jovanka ist im Netzwerk Music Pool Berlin organisiert, einer Anlaufstelle für Musiker*innen und Musikschaffende, die Beratung, Weiterbildung und Vernetzung in Berlin anbietet. Weil sie den Begriff Coaching als zu allgemein empfindet, hat Jovanka sich für die Bezeichnung „Artist Profilerin“ entschieden. In ihren Sessions und Workshops arbeitet sie mit Künstler*innen an ganz unterschiedlichen Themen. Im Mittelpunkt steht die musikalische, kreative und individuelle Stilbildung. Dabei kann es um eine Plattenproduktion gehen, um die Arbeit an Musik und Texten, das Finden des passenden Genres, um Blockaden oder das Image in der Öffentlichkeit. „Im besten Falle finden wir zusammen den Funken, der leuchtet und dann buddeln wir ihn aus. Zu sehen, wie Leute wachsen, ist das Tollste, das es gibt“, sagt Jovanka. Im Gegensatz zum Bereich A&R innerhalb einer Plattenfirma, vermittelt Jovanka nicht zwischen den Interessen eines Labels und einer Band. Es sei eine ganz andere Motivation, mit der die Musiker*innen zu ihr kommen, sagt sie. Für das Artist Profiling schöpft Jovanka aus vielen Jahren Erfahrung mit dem Musikmachen, innerhalb der Musikbranche und aus eigenen Coachings. Oft helfe ihre Perspektive von außen, damit sich Türen öffnen. Die „Treasure Box“ ist eines ihrer Tools: ein synästhetisches Spiel, das den Künstler*innen hilft, sich selbst und ihre Musik auf andere Weise wahrzunehmen – in Farben, Formen, Geschmäckern, Texturen, Schriften, Filmen. Beim „Artist Career Mapping“ werden drei Themenkreise untersucht: die kreative Arbeit, die Strukturierung des kreativen Prozesses und zuletzt die Außendarstellung.

Mehr Klarheit & Selbstbewusstsein für Musikerinnen

Jovanka sagt, dass gerade bei Musikerinnen die größten Konflikte im Themenkreis Außendarstellung liegen. Hier steht die Frage im Mittelpunkt: „Wie setze ich mich durch, ohne mich zu verbiegen?“ Es sei am wichtigsten, Klarheit über sich selbst zu haben und ehrlich auf die eigenen Stärken, Schwächen und Ängste zu schauen. Sie plädiert dafür, Eigenverantwortung zu übernehmen, die eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten und das Selbstbewusstsein zu stärken. Und: „Es geht sehr viel ums Machen, dass man dranbleiben muss. Hinfallen gehört dazu.“

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