„Ich wusste nicht, ob meine Crowdfunding-Kampagne glücken wird.“

Steffi Böhnke macht unter ihrem Künstlernamen Fräulein Frey „freyen-hanseatischen“ Pop. Im vergangenen Jahr gründete sie im Alleingang ihr eigenes Label Janetomat Records und veröffentlichte ihr Debütalbum „Hallo Leben“. Sie finanzierte die CD-Produktion mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne. Für meine Podcast-Serie haben wir über die Herausforderungen gesprochen, die ihr in dieser Zeit begegnet sind.

Real life & Showbiz: Vom Büro auf die Bühne

Steffi beschreibt ihre Entwicklung zur Musikerin als stufenweise, es gab jedoch verschiedene Schlüsselmomente. Als sie zum ersten Mal begleitet von einer Band sang, hatte sie am ganzen Körper Gänsehaut und wusste: „Ich bin hier genau richtig. Ich muss das machen.“ Sie arbeitete in einem klassischen Bürojob und überlegte, wie sie ihr musikalisches Talent − ohne Ausbildung oder Studium − auch beruflich verwirklichen könnte. Erste Bühnen- und Banderfahrungen hat sie gesammelt, sie textete Songs und konnte „ganz passabel“ Gitarre spielen. Die Einsicht kam ihr tatsächlich im Büro: „Ich kann mir das ja einfach selber bauen. Ich gebe mir die Basics, die ich brauche und probiere mich aus.“ Also kündigte Steffi ihren Job und schenkte sich Zeit, um sich in Musiktheorie, Gehörbildung und Songwriting weiterzubilden. Sie nahm Gitarrenstunden und testete sich mit verschiedenen Bands in unterschiedlichen Genres und Settings aus. Nach und nach entwickelte sich ihr Projekt Fräulein Frey. Mit ihrer Band macht sie heute „deutschsprachigen Pop mit anspruchsvollen Texten“. Steffi will ihr Publikum unterhalten, ihre Konzerte sind sehr energiegeladen.

Die Strukturen der Musikbranche verstehen

„Damals bin ich erstmal losgegangen“, erzählt Steffi. Doch beim Booking stieß sie schnell an Grenzen und merkte, dass sie Türöffner brauchte. Sie recherchierte und fand RockCity, einen Verein, der Musikschaffende in Hamburg vernetzt. Über ein Mentoring-Programm zum Thema Selbstvermarktung baute sie ihr Netzwerk auf. Sie traf Musikerinnen, Toningenieure, Journalisten und Booker. Langsam entwickelte sie ein Verständnis für die Musikbranche: „Das sind die Bereiche, das sind die Rädchen, das sind die Interessen, so funktioniert das.“ Als sie soweit war, ihr Debütalbum aufzunehmen, ging Steffi wieder zielstrebig los: Sie machte Marktrecherche, fragte Produzenten und informierte sich über Kosten von Equipment, Aufnahmetagen im Studio, Mix und Mastering. Doch ihre Ersparnisse reichten nicht und sie entschied sich, ein Crowdfunding zu starten. Steffi bringt die Definition von Crowdfunding auf den Punkt: „Viele Leute schmeißen Geld zusammen, mit dem sie eine Idee oder ein Produkt finanzieren.“


Crowdfunding: Von der Vorbereitung über das Pitchvideo zur Plattform

Ihre Crowdfunding-Kampagne bereitete sie ca. ein Jahr mit ihrer Band vor. Auch dafür brauchte das Projekt Fräulein Frey Geld, z. B. für Demoaufnahmen und einen professionellen Auftritt inkl. Website, Fotos, Texten und Facebookpage. Steffi sammelte über Gigs Geld. Die Band trug das Projekt mit und verzichtete auf die Gage. Das Pitchvideo, Kernstück eines Crowdfundings, musste ebenfalls finanziert werden: „Es ging darum zu zeigen, dass das Projekt Potenzial hat, dass wir tolle Songs haben und dass Fräulein Frey eine Musikerin mit Band ist, die etwas auf die Beine stellen kann.“

Über die regionale Plattform Nordstarter der Hamburg Kreativ Gesellschaft launchte sie ihre Kampagne. Nordstarter richtet sich speziell an Künstler und Kreative, hat Ansprechpartner vor Ort und bietet Workshops an. Hier bekam Steffi Anregungen im Hinblick auf die Dankeschöns für die Unterstützer und wie sie ihr Anliegen für ihre Zielgruppe auf den Punkt bringen konnte.

Fanbase, Finanzen, Fehler

Für das Crowdfunding musste Steffi Multiplikatoren aktivieren. Ihre Zielgruppe bestand zunächst aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, Branchennetzwerk und früheren Businesskontakten. Ihre Fanbase erreichte sie über unterschiedliche Kanäle: auf Konzerten, über Social Media (Facebook und Xing) und durch Mailings. Viele Kontakte sprach sie persönlich an. Sie hatte vorher kalkuliert und ein Minimum festgesetzt, wie viele Unterstützer sie brauchte, doch es blieb ein Risiko: „Ich hatte keine Idee, wer anbeißt, wen ich wirklich überzeugen kann, mich zu unterstützen.“ Es sei schwierig, aus dem direkten Fan-Zirkel auszubrechen und fremde Menschen zu erreichen. Es gab einige Crowdfundings in Hamburg zur gleichen Zeit, doch Fräulein Freys Kampagne war erfolgreich. Sie lief ca. sechs Wochen, die Aufnahmen für das Album waren für das darauf folgende Jahr geplant. Das war auch der Fehler, den Steffi im Nachhinein benennt: Crowdfunding unterliegt der Einkommenssteuer, diese Ausgabe hatte sie nicht berücksichtigt. Deshalb ist Steffis Tipp an alle zukünftigen Crowdfunderinnen: „Plant es so, dass die Einnahmen und die Ausgaben in einem Kalenderjahr liegen.“

„Es geht weiter mit neuer Kraft.“

Nach der Kampagne übernahm Steffi die komplette Albumproduktion selbst. Sie gründete ihr eigenes Label Janetomat Records und veröffentlichte dort „Hallo Leben“ in 2017. Es gab ein Release-Konzert auf der Reeperbahn sowie Interviews und Konzerte im Nachgang. Steffi war überglücklich, brauchte jedoch erst einmal eine Pause: „Ich habe permanent gerödelt.“ Mittlerweile hat sie wieder einen Brotjob, der ihre Musik finanziert. „Ich bin ein sehr geerdeter Mensch, ich mag real life“, sagt Steffi. Langfristig würde sie dennoch gerne zu 80% auf der Bühne stehen. Ihr Ziel ist es, sich zunächst in Norddeutschland und dann über die regionalen Grenzen hinaus zu etablieren. 2018 wird auf jeden Fall weniger turbulent als die letzten Jahre für Fräulein Frey. Das ist umso wichtiger, damit Steffi sich auf ihre Kreativität und auf Neues konzentrieren kann. Neben Brotjob und Selbstvermarktung ist das oft nicht so einfach: „Ich brauche ein gewisses Maß an Ruhe, um richtig gute Texte zu schreiben.“

Fräulein Frey präsentiert das Debütalbum und neue Songs auf Konzerten, die Termine findet ihr hier.