„Wir haben kein Frauenproblem in der Musikbranche“

Jörg Tresp bezeichnet sich selbst als Mega-Musiknerd. Er arbeitet seit 1994 in der Musikbranche und hat in seiner Laufbahn viele Stationen durchlaufen, angefangen mit einem Praktikum als Promoter über die Arbeit als Produktmanager bis hin zur Führungsposition im Marketingdepartment bei einem Majorlabel. Heute ist er – neben einigen anderen Standbeinen – Labelinhaber von DevilDuck Records.

Ich habe Jörg Tresp für meine Podcastserie interviewt. Er erzählt, wie er Frauen in der Musikbranche wahrnimmt und warum sich noch keine zur aktuellen #metoo Debatte zu Wort gemeldet hat.

Vom Promoter zum Entdecker

„Das Entdecken einer Band und die mögliche Vermarktung dahinter, wie man diese Künstler weiterentwickelt, das ist für mich die Triebfeder von allem“, sagt Jörg Tresp über seine Arbeit als Labelinhaber. Für sein Indielabel „DevilDuck Records“ sucht und findet er Künstler, nimmt sie unter Vertrag, kommt für alle Kosten der Veröffentlichung auf und trägt das volle Risiko. Dafür werden jedoch die Rechte für einige Zeit an ihn abgetreten. „On the side“ betreibt Jörg den Labelservice „Dan Can“: Hier wird er von den Musikern bezahlt, ihre Platte zu veröffentlichen, zu vertreiben und zu promoten. Die Rechte bleiben bei den jeweiligen Künstlern.

Weniger Major, mehr Nische

Im Gegensatz zu seiner früheren Arbeit beim Majorlabel ist seine Zielsetzung heute eine ganz andere: „Mir ist meine Nischenorientierung extrem wichtig. Das Wichtigste ist für mich, dass ich mich nicht nach einem Markt richte.“ Beim Majorlabel drehte sich alles um das Timing, das einige Monate vor Veröffentlichung einsetzte: Budgetplanung, Marketingmaßnahmen, alles musste so abgestimmt werden, dass auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung das klare Ziel folgte, die jeweilige Platte in den Charts (und zwar auf Platz 1!) zu platzieren. Heute geht es Jörg darum, Künstler langfristig zu entwickeln und nicht bestimmte Marktdiktate zu erfüllen. Jörg kann den Bands, die er unter Vertrag hat, keine Vorschüsse zahlen wie ein Majorlabel. Er investiert in Marketing und Promotion, doch nur wenige Platten spielen die Investitionen wieder ein, so dass Jörg vieles querfinanziert.

DevilDuck Records = 14 Jahre Indie

Jörg profitiert von dem Wissen, das er in der Zeit beim Majorlabel gesammelt hat. Außerdem nutzte er die Abfindung aus seiner letzten Position als Startkapital für seine Selbstständigkeit. Mittlerweile betreibt er DevilDuck Records seit 14 Jahren, in dieser Zeit hat er ca. 40 Bands und Solokünstler veröffentlicht. Er hat die Musik für sein Label, wie er selbst sagt, durch klassische A&R-Recherche gefunden (Artist and Repertoire = Künstler entdecken und entwickeln). Er ist vor allem auf kanadische Bands spezialisiert, z. T. vertritt er auch US-amerikanische oder skandinavische Künstler. Das liege an seinem Musikgeschmack, erklärt er: „In Europa entdecke ich nicht so oft Bands, die mir am Herzen liegen.“ 

Zudem haben die Kanadier ein Fundingsystem, das es einfacher macht, kanadische Bands auf Tour zu holen, was für ein Label essentiell wichtig ist.

„Deutschland ist ein sehr offener Markt.“

Der deutsche Markt besteht zu 70% aus deutschsprachig gesungenen Texten, was wenig Jörgs Geschmack entspricht (Stichwort: „Schwiegersohnmusik“) und es schwieriger macht, englischsprachige Musik in Deutschland zu veröffentlichen. Es gibt zudem wenig deutsche Künstler, die englischsprachige Musik veröffentlichen. Der deutsche Markt sei sehr textfixiert, sagt Jörg. Dennoch hat der deutsche Markt im internationalen Vergleich einen hohen Stellenwert, gerade für (nicht nur kanadische) Newcomer. „Deutschland ist ein sehr offener Markt“, sagt Jörg. Für kanadische Musiker sei es außerdem geradezu luxuriös, durch Deutschland und Europa zu touren. Die großen Distanzen in Kanada und in den USA machen das Touren dort strapaziös und einen Durchbruch als Musiker schwieriger. Außerdem sei Deutschland ein sehr physischer Markt, fügt Jörg noch hinzu. Die USA und Kanada seien bereits viel digitaler ausgerichtet. „Für mich ist die Mischung aus Streaming und Vinyl das, was Sinn macht“, erklärt Jörg. Vinyl funktioniere natürlich nicht in allen Genres, vor allem nicht in der Mainstream Musik. Im Bereich Indie oder Singer/Songwriter sei das jedoch anders: „Je nischiger ein Genre ist, desto besser funktioniert Vinyl“, sagt Jörg.

Ellenbogen & Gockelgehabe oder:„Die Musikbranche ist eine der unsichersten Branchen.“

Im Februar hat die GEMA die Nominierten des Musikautorenpreises bekannt gegeben, was wieder einmal die Imbalance der Geschlechterverhältnisse in der Branche zeigte: Es wurden 21 Männer nominiert und eine Frau, die Jury ist sogar zu 100% männlich. Jörg sagt, die Musikbranche sei immer schon eine eher männlich dominierte Nerd- und Ellenbogenbranche gewesen und eben auch eine der „unsichersten Branchen“. Im Vertrieb sowie im Marketing, wo die Budgetverantwortung liegt, seien bei den Majorlabels eher die Männer zu finden, die Frauen arbeiteten meistens im Bereich Promotion.

Bei Festivals werden eher Männerbands oder männliche Solokünstler gebucht, es gibt wenig weibliche Vorbilder und in Deutschland keine Superstars. Jörg würde jedoch selbst nicht von einem Frauenproblem in der Musikbranche sprechen und glaubt auch nicht an die Einführung von Frauenquoten. Er vermutet, die ungleiche Verteilung liege an einem zu starken Sicherheitsbedürfnis der Frauen. „Um in der Musikbranche Fuß zu fassen, muss man mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen“, sagt er. Es fehle den Frauen außerdem – sowohl auf der Seite der Musikerinnen wie auch der Musikschaffenden – die nötige Risikobereitschaft, vielleicht auch eine Art Entdeckertrieb und das „Gockelgehabe“/Selbstvertrauen, das die männlichen Kollegen schon von sich aus mitbrächten. Dass sich noch keine deutsche Musikerin zur #metoo Debatte geäußert hat, findet Jörg wenig verwunderlich. Es gebe einfach zu wenig deutsche Künstlerinnen, die als Sprachrohr fungieren könnten und überhaupt zurzeit zu wenig Künstler, die sich politisch äußern.

Such dir deine Champions! – Beratung für Musiker*innen

Jörg selbst arbeitet bei seinem Label mit drei Frauen zusammen, er entdeckt, fördert und veröffentlicht weibliche Künstlerinnen und hat nicht zuletzt als Mentor auch mich mit meiner Idee für die RAKETEREI unterstützt. Es fehle ein bisschen an Hilfe, Unterstützung und Beratungsangeboten in der Musikbranche, sagt er. Seine Message an alle Frauen, die in der Musikbranche weiterkommen wollen, ist zum Abschluss: „Anpassen ist immer das Falsche. Weit in der Musikbranche kommen Leute, die was eigenes auf die Beine stellen.“ Und: „Such dir deine Champions. Such dir Leute, die dich/deine Kunst mögen.“