„Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Musik einen Wert hat.“

„Die Musikbranche ist so innovativ und ich glaube, dass sie das Thema Diversity vorantreibt.“

In einem stilechten Berliner Hinterhofbüro habe ich Verena Blättermann getroffen.
Sie ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und politische Kommunikation sowie stellvertretende Geschäftsführerin des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (kurz: VUT).

Im Interview erklärt Verena, was die „Value Gap“ ist und was Youtube damit zu tun hat. Außerdem spricht sie darüber, dass wir ein neues Bewusstsein für den Wert von Musik brauchen und wie sich die Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche entwickeln wird.

Aber was ist eigentlich der VUT?
Der VUT ist ein bundesweiter Verband, der unabhängige kleine und mittelständische Musikunternehmen vertritt – mit Regionalgruppen in ganz Deutschland. Das „T“ in VUT steht übrigens ursprünglich für das etwas altmodische Wort Tonträgerhersteller, denn der Verband wurde bereits in den Neunzigern gegründet. Mitglied werden können Labels, Verlage, Vertriebe, Produzent*innen und auch selbstvermarktende Künstler*innen, sofern sie eine Unternehmensform haben. Hard fact am Rande: Die unabhängige Musikwirtschaft hat einen Marktanteil von rund 35% und bestreitet sogar 80% der Neuveröffentlichungen! Das oberste Ziel des VUTs ist es, faire Wettbewerbsbedingungen und fairen Marktzugang für alle Musikunternehmen zu schaffen – unabhängig von ihrer Größe. Verena sagt: „Wir geben ihnen eine Stimme, vertreten ihre Interessen und wollen dafür sorgen, dass die musikalische Vielfalt mehr Wertschätzung erfährt.“ Der VUT bietet Beratung für seine Mitglieder an, z.B. zum Thema Existenzgründung und in juristischen Fragen, und es gibt Vergünstigungen durch Rahmenverträge mit der GEMA.

Warum Künstler*innen das Musikuniversum verstehen sollten:
In der Küche des VUT-Büros hängt ein Poster des „Musikuniversums“ (HIER). Es zeigt die Geldflüsse der einzelnen Gewerke in der Musikbranche. Verena findet es wichtig, dass sich auch Künstler*innen mit den Strukturen der Branche auseinandersetzen. „Ich glaube, jeder sollte sich damit beschäftigen, welche Akteure es überhaupt gibt, wer mit wem zusammenarbeitet, wohin das Geld fließt und woher es kommt.“ Deshalb veranstaltet der VUT Workshops zum „Musikuniversum“.

Verena erzählt, dass das letzte Jahr für sie in politischer Hinsicht vor allem vom Thema „Value Gap“ dominiert wurde. Der deutsche Musikmarkt wird immer digitaler, bereits knapp 50% des Umsatzes werden über Streaming und Downloads erwirtschaftet. Die „Value Gap“ bezeichnet die Diskrepanz zwischen den Ausschüttungen von YouTube im Vergleich zu den voll lizensierten Diensten Spotify und Deezer. Dem VUT geht es zukünftig darum, einen marktgerechten Preis für Streaming zu erreichen, der für alle Dienste gilt. Dafür arbeiten Verena und ihre Kolleg*innen mit dem europäischen Dachverband Impala (Independent Music Publishers and Labels Association) in Brüssel zusammen. Bei der politischen Lösung müssen auch die unterschiedlichen Urheberrechtssysteme der europäischen Staaten berücksichtigt werden. Generell sei es wichtig, in der Öffentlichkeit, aber auch bei allen Beteiligten in der Branche, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Musik entsteht. Es liege auch im Interesse der Musikunternehmen, eine lange partnerschaftliche Beziehung mit ihren Künstler*innen aufzubauen und diese brauchen ebenso Partner, um erfolgreich zu sein.

Musikbranche & Geschlechterpolitik
Mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche beschäftigt sich der Verband intensiver seit zwei Jahren. „In der Kommunikation werde stets auf geschlechtersensible Sprache geachtet,“ sagt Verena. Zudem setzt sich der VUT für die Sichtbarkeit weiblicher Branchenmitglieder ein. Bei z.B. den jährlichen VUT Indie Days, einer mehrtägigen Konferenz mit vielen Panels, Workshops und Meet-ups im Rahmen des Reeperbahnfestivals, gibt es keine All-Male Panels mehr. Es sind in den letzten Jahren ungefähr 50% Speakerinnen auf der Bühne. Seit diesem Jahr hat der VUT selbst eine Vorstandsvorsitzende, Désirée Vach, die ich hier bereits vorgestellt habe. Verena ist überzeugt: „Die Musikbranche ist

eine ganz innovative Branche, deswegen glaube ich einfach daran, dass sie auch das Diversitätsthema anpackt und weiter vorantreibt.“

Ein Netzwerk für Frauen: Music Industry Women
Eine von Verenas Aufgaben beim VUT ist die Betreuung des Netzwerks „Music Industry Women“. Es wurde 2015 mit dem Ziel gegründet, Frauen in der Musikbranche sichtbarer zu machen und zum Mitgestalten zu inspirieren. Das Herzstück des Netzwerks ist das Mentoringprogramm, das in Kooperation mit der Berlin Music Commission entstanden ist und vom Music Board Berlin unterstützt wird. Hier wird die berufliche sowie die persönliche Weiterentwicklung von Frauen in der Musikbranche gefördert. Die erfahrenen Ladies aus Labels, Verlagen und Vertrieben sind Ratgeberinnen für die Mentees und bestärken, begleiten und geben Feedback. „Es ist ganz individuell, wie Mentoringpaare die Beziehung gestalten“, sagt Verena. „Es gibt Paare, die sind über das Programm hinaus in Kontakt geblieben und treffen sich immer noch.“ An dem Mentoringprogramm können sowohl Musikschaffende wie auch selbstvermarktende Künstler*innen teilnehmen. Mehr dazu erfahrt ihr HIER.

„Don’t repeat, make it better“
Zum Abschluss des Gesprächs verrät mir Verena noch ihr obiges Lieblingszitat von der feministischen Punkmusikerin Kathleen Hanna. Wie ich findet sie es wichtig, dass sich unterschiedliche Initiativen und Projekte der Musikbranche zusammenschließen, um gemeinsam eine lautere Stimme zu haben.


LESETIPPS!

HIER geht es zum Musikuniversium.
HIER geht es zu den „Fünf Ideen zur Gestaltung der Musikwirtschaft“.

Fühlst Du Dich angesprochen? Dann trage Dich HIER in meinen Newsletter ein und ich halte Dich auf dem Laufenden!

Fotocredits von oben nach unten:
© Marc Boehlhoff
© Sylvie Gagelmann

YouTube aktivieren?

Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?