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Stundensatz für Musikunterricht berechnen: Wie hoch dein Preis als Musikerin* wirklich sein müsste

Imke Machura, Gründerin von RAKETEREI

© Imke Machura

Was nimmst du für eine Unterrichtsstunde? Und wie bist du auf diese Zahl gekommen? Wenn ich Musikerinnen* diese Frage stelle, höre ich fast immer dieselbe Antwort: »Ich habe geschaut, was Unterricht bei mir in der Stadt kostet, und bin mit meinem Preis über die Jahre ein bisschen mitgegangen.« Das klingt vernünftig, ist aber keine Kalkulation. Es ist ein Vergleich mit Menschen, deren Leben du nicht kennst. Deshalb erkläre ich dir in diesem Blogartikel, wie du deinen Stundensatz für Musikunterricht Schritt für Schritt berechnest, warum aus 26.000 Euro zum Leben 45.000 Euro Umsatz werden und warum eine Unterrichtseinheit von 45 Minuten bei einer 25-Stunden-Woche 102 Euro kosten müsste.

Warum ist der Marktpreis der falsche Maßstab für deinen Stundensatz?

Es gibt zwei Fragen, mit denen du zu einem Preis kommen kannst. Die erste lautet: »Was kann ich verlangen?« Mit dieser Frage geht dein Blick sofort nach links und rechts. Was nimmt die Kollegin*? Was ist hier in der Gegend üblich? Was steht auf den Vermittlungsplattformen?

Wer sich am Markt orientiert, misst nicht den Wert der eigenen Arbeit, sondern die Angst vor der Kollegin.* Denn du weißt gar nicht, wie die anderen leben. Du siehst nicht,

  • ob sie in ihre Rente einzahlen,
  • ob sie geerbt haben,
  • ob eine zweite Person die Miete trägt.

Der ganze Unterbau eines Preises ist von außen unsichtbar. Du weißt nicht, warum die Preise in der Nachbarschaft bei 25 bis 35 Euro liegen.

Die zweite Frage ist aus meiner Perspektive die viel wichtigere: »Was brauche ich eigentlich zum Leben?« Nur diese Frage führt zu einer Zahl. Von hinten gerechnet ist dein Preis keine Forderung mehr, sondern eine Folge.

Und das ist nicht nur eine Frage des Kontostands. Viele Musikerinnen*, mit denen ich arbeite, finanzieren ihre Musik zu einem guten Teil über Unterricht. Ist die einzelne Stunde zu billig, unterrichtest du mehr und mehr, und für deine eigene Musik bleibt immer weniger Zeit. Dein Stundensatz entscheidet darüber, wie viel Raum deine Musik in deinem Leben bekommt.

Wie viel Umsatz brauchst du, um von deinem Unterricht leben zu können?

Ich rechne das mit dir an einem Musterfall durch. Die Zahlen sind ein Beispiel, kein Maßstab. Du lebst in einer anderen Stadt, mit einer anderen Miete, mit oder ohne Kinder. Den Gedankengang kannst du aber eins zu eins auf dich übertragen. Nimm dir am besten Zettel und Stift und schreib als Erstes auf, was du heute für eine Unterrichtseinheit nimmst. Diese Zahl brauchst du am Ende wieder.

Erster Schritt: Was brauchst du zum Leben? Fang bei deinem Leben an, nicht beim Markt. Dazu gehören:

  • Miete, Essen, Mobilität, Telefon, Kleidung, Kultur
  • zwei Urlaube im Jahr, und zwar Urlaub, in dem du dich wirklich erholst, nicht die billigste Verbindung mit dreimal Umsteigen
  • deine Absicherung: zusätzliche Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit, Haftpflicht
  • die Rücklage für das Instrument, das du in zehn Jahren brauchst

Schätze großzügig. Wer sich kleinrechnet, kommt auf einen kleinen Preis.

Im Musterfall sind das knapp 26.000 Euro im Jahr. Und jetzt kommt die Stelle, an der sich fast alle verrechnen. Diese 26.000 Euro sind das, was bei dir ankommen muss. Es ist nicht das, was du einnehmen musst.

Bevor die 26.000 Euro bei dir ankommen, gehen nämlich noch zwei große Posten ab:

  • rund 7.800 Euro an die Künstlersozialkasse für Rente, Kranken- und Pflegeversicherung
  • gut 4.300 Euro Steuern

Um knapp 26.000 Euro zum Leben zu haben, musst du also gut 38.000 Euro Gewinn machen. Und Gewinn ist noch nicht Umsatz. Obendrauf kommt alles, was dein Beruf kostet: Raum, Instrument, Noten, Fahrten, Technik, Fortbildung, Steuerberatung. Im Musterfall sind das knapp 7.000 Euro.

Damit stehst du bei einem Jahresumsatz von rund 45.000 Euro. Aus 26.000 werden 45.000. Das ist kein Luxus, das ist Mathematik.

Wie berechnest du deinen Stundensatz für eine Unterrichtseinheit?

Zweiter Schritt: Wie viele deiner Arbeitsstunden bezahlt dir eigentlich jemand? Diese Frage habe ich in einer Session in meiner Community gestellt. Die übliche Schätzung lag bei 70 bis 80 Prozent. Nachgerechnet waren es 45 bis 60 Prozent. Bezahlt wird nur die Zeit, in der du unterrichtest. Nicht bezahlt wird alles, was zu keiner bestimmten Stunde gehört: üben, Buchhaltung, Akquise, Anträge schreiben, Social Media, E-Mails, Elterngespräche, Fahrten, Fortbildung.

Das Jahr hat 52 Wochen. Sechs gehen für Urlaub und Feiertage ab, zwei für Krankheit und Ausfall. Bleiben 44 Wochen. Bei 40 Stunden pro Woche sind das 1.760 Arbeitsstunden. Wenn davon die Hälfte bezahlt ist, verkaufst du 880 Stunden im Jahr. 880, nicht 1.760.

Dritter Schritt: Was kostet dich eine Unterrichtseinheit wirklich? Jetzt ist die Rechnung kurz: nötiger Jahresumsatz geteilt durch verkaufte Stunden. 45.000 Euro geteilt durch 880 Stunden ergibt 51 Euro pro Stunde.

Eine Unterrichtseinheit von 45 Minuten kostet dich aber mehr als 45 Minuten deiner Zeit. Zu jeder Einheit gehört etwa eine halbe Stunde Vorbereitung, Nachbereitung und Abrechnung. Zusammen sind das eineinviertel Stunden. 51 Euro mal 1,25 sind 64 Euro für 45 Minuten Unterricht. Bei einem Jahresvertrag mit 36 Einheiten sind das gut 190 Euro im Monat.

Damit du siehst, wie wenig davon bei dir bleibt, nehme ich die 64 Euro einmal auseinander:

  • rund 10 Euro gehen in deinen Betrieb
  • rund 11 Euro gehen an die Künstlersozialkasse
  • rund 6 Euro sind Steuern
  • ungefähr 37 Euro kommen bei dir an

Von diesen 37 Euro lebst du, sicherst dich ab und fährst in den Urlaub. Die 64 Euro liegen übrigens ziemlich genau dort, wo auch der Deutsche Musikrat seine Honorarempfehlung für 45 Minuten Unterricht sieht.

Aber: Diese 64 Euro gelten für eine 40-Stunden-Woche. Und wenn ich mir die Musikerinnen* in meiner Community anschaue, arbeiten die wenigsten 40 Stunden. Manche betreuen Kinder, pflegen Angehörige oder organisieren den Alltag einer Familie. Diese Sorgearbeit leisten immer noch überwiegend Frauen*, und sie ist unbezahlt. Andere bauen eine eigene künstlerische Karriere auf. Und wer 40 Stunden in der Woche unterrichtet, hat für die eigene Musik schlicht keine Zeit mehr.

Rechnen wir also mit einer 25-Stunden-Woche:

  • 44 Wochen mal 25 Stunden sind 1.100 Arbeitsstunden im Jahr.
  • Bezahlt ist davon wieder ungefähr die Hälfte, also 550 Stunden.
  • 45.000 Euro geteilt durch 550 Stunden sind 82 Euro pro Stunde.
  • Mal 1,25 sind das 102 Euro für 45 Minuten Unterricht, bei 36 Einheiten im Jahr gut 300 Euro im Monat.

64 Euro bei 40 Stunden, 102 Euro bei 25 Stunden. Dasselbe Leben, dieselbe Miete, dieselbe Rente. Nur weniger Zeit, um das Geld dafür zu verdienen. Frag dich ehrlich, an welcher der beiden Wochen du näher dran bist.

Und rechne als Frau* standardmäßig 25 Prozent obendrauf. Nicht als Bonus, sondern um den Gender Pay Gap auszugleichen.

Als ich mir mit den Musikerinnen* in einer Session diese Zahlen angeguckt habe, wurde es ziemlich still.

Ein Hinweis noch, bevor du deine Preise anfasst: Im Musterfall liegt der Jahresumsatz bei 45.000 Euro, die Grenze für Kleinunternehmer:innen liegt bei 25.000 Euro. Eine Preiserhöhung kann also dazu führen, dass du umsatzsteuerpflichtig wirst, es sei denn, dein Unterricht ist von der Umsatzsteuer befreit. Ich bin keine Steuerberaterin*. Klär das bitte mit deiner Steuerberatung, bevor du loslegst.

Was passiert, wenn du deine Preise für Musikunterricht erhöhst?

Zuerst lohnt sich ein Blick darauf, was passiert, wenn du es nicht tust. Frauen* im Bereich Musik melden der Künstlersozialkasse im Schnitt ein Jahreseinkommen von 14.675 Euro. Männer melden 20.343 Euro, also knapp 40 Prozent mehr. Für 14.675 Euro bekommst du pro Jahr 0,28 Rentenpunkte. Nach 40 Jahren ergibt das nach heutigem Stand eine Rente von 481 Euro im Monat. Brutto.

Ich dramatisiere das nicht. Das ist die Konsequenz des heutigen Preises, hochgerechnet. Nicht deine Zahl ist unrealistisch, sondern die Praxis ist es.

Wenn Musikerinnen* ihre eigene Zahl zum ersten Mal schwarz auf weiß sehen, fallen fast immer drei Sätze

  • »Wenn ich meine Preise erhöhe, verliere ich meine Schüler:innen.« Ja, manche. Und das ist auch gut so. Wenn du dich hochpreisiger positionierst, verändert sich deine Zielgruppe. Das ist normal. Es sollte nicht die Lehrerin* sein, die stellvertretend für andere spart. Wer es wirklich nicht kann, bekommt von dir ein Angebot: eine kürzere Einheit, einen vierzehntägigen Rhythmus oder einen Freiplatz. Das entscheidest du bewusst und nicht aus schlechtem Gewissen.
  • »Das ist mehr, als die anderen nehmen.« Ja. Die anderen rechnen nicht. Der Markt ist kein Maßstab. Er ist eine Momentaufnahme kollektiver Vorsicht.
  • »Ich trau mich nicht, so viel wert zu sein.« Darum geht es hier nicht. Dein Wert steht in dieser Rechnung gar nicht drin. Drin stehen deine Miete, deine Versicherung, deine Rente. Nicht du bist teuer. Dein Leben ist es.

Für jeden Preis gibt es Menschen, die ihn zahlen. Es sind dann andere Schüler:innen, vielleicht ein paar weniger, aber es gibt sie. Eine Musikerin* erzählte in der Session, dass sie selbst lange gespart hat, um bei einem Gesangscoach für 200 Euro die Stunde Unterricht zu nehmen. Weil es ihr wichtig war, genau mit diesem Menschen zu arbeiten. Solche Menschen gibt es auch für dich.

Bleibt die Frage: »Wie mache ich das denn? Ich kann doch nicht von heute auf morgen das Doppelte nehmen.« Nein, das kannst du nicht, und das musst du auch nicht. In hohe Preise wächst man hinein. Auch ich habe mit RAKETEREI mit ganz anderen Preisen angefangen als heute. Meine Empfehlung:

  • Lass die Preise deiner bestehenden Schüler:innen, wie sie sind.
  • Nenn der nächsten Anfrage den neuen Preis, ohne Erklärung und ohne Entschuldigung.
  • Geh in Schritten, die du aussprechen kannst, ohne zu zögern.

Ein schöner Nebeneffekt: Wer mehr bezahlt, kommt vorbereitet, bleibt dran und will wirklich etwas lernen.

In meiner Arbeit mit Musikerinnen* fange ich beim Geld deshalb nie mit der Frage an, was der Markt hergibt. Ich fange mit einem Blatt Papier an und mit der Frage, was dieses Leben kostet. Die Zahl, die am Ende dasteht, ist oft unbequem aber erst mit einer ehrlichen Zahl kannst du entscheiden, wie viel du unterrichten willst und wie viel Zeit deiner Musik gehört.

Dein Preis ist keine Meinung. Er ist das Ergebnis einer Rechnung, die bisher niemand für dich gemacht hat.

Höre dir jetzt meine Podcastfolge an!

Möchtest du noch tiefer in das Thema eintauchen? In meiner Podcastfolge #207 Wie hoch müsste der Stundensatz einer Musikerin sein?* rechne ich mit dir Schritt für Schritt durch, wie aus deinem Leben ein Preis wird, und warum die Zahl am Ende höher ist, als du denkst. Schnapp dir Zettel und Stift und höre gleich rein!

In dieser Podcastfolge lernst du:

  • Frag nicht, was du verlangen kannst, sondern was du zum Leben brauchst: Von hinten gerechnet ist dein Preis keine Forderung mehr, sondern eine Folge.
  • Bezahlt wird dir nur ungefähr die Hälfte deiner Arbeitszeit: Üben, Vorbereitung, Buchhaltung und Akquise musst du in den Preis deiner bezahlten Stunden einrechnen.
  • Weniger Zeit heißt höherer Stundensatz, nicht weniger Einkommen: Wer wegen Sorgearbeit oder der eigenen Musik 25 statt 40 Stunden arbeitet, muss dasselbe Leben auf weniger Stunden verteilen.

Hier geht es zu Podcastfolge #207

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Über mich

Hi! Ich bin Imke.

Ich war über ein Jahrzehnt Teil der Musikbranche — als Bookerin, Promoterin und Produkt- und Labelmanagerin.

2017 habe ich RAKETEREI gegründet: die Räuberleiter für Musikerinnen* in die Musikbranche.

Seither habe ich über 500 Releases von Musikerinnen* begleitet, hoste seit 2017 den RAKETEREI-Podcast und leite die größte deutschsprachige Online-Community für Musikerinnen* mit über 2.000 Mitgliedern.

Ich kenne beide Seiten der Musikindustrie: die der Musikerinnen* und die der Menschen, die in den Postfächern, Streaming-Backends und Promo-Verteilern sitzen, in denen dein Release auftauchen muss, damit deine Musik gehört wird.

Genau dieser Doppelblick macht hier den Unterschied.

Imke Machura - raketerei

Meine Mission

Als Mentorin, Ideengeberin und Partnerin in Crime unterstütze ich dich dabei, eine unabhängige und profitable Karriere in der Musikbranche aufzubauen. RAKETEREI ist deine Räuberleiter in die Musikbranche.

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