„Wir haben weniger zu verlieren als zu gewinnen, also let’s go for it!“

Ich habe Marie-Lene Armingeon (rechts) getroffen. Sie ist eine der beiden Gründerinnen von Sofaconcerts.org, einer Plattform die Konzerte vermittelt.

Ich möchte herausfinden, wie die Plattform funktioniert, welche Hindernisse ihnen während der Gründung begegnet und wie sie damit umgegangen sind.

Marie-Lene und Miriam arbeiten in einem kleinen Büro im zweiten Stock des Karostars im Karoviertel. In dem gerade einmal 18qm großen Zimmer reihen sich mittlerweile sieben schwarze IKEA Schreibtische aneinander. Als ich den Raum betrete, freue ich mich festzustellen, dass die beiden das Team vergrößert haben. Ich habe den Eindruck, dass sie

auf dem richtigen Weg sind. Ich setze mich mit Marie-Lene ins Nachbarzimmer, um ungestört mit ihr quatschen zu können. Nein, das Wort „quatschen“ ist in dieser Situation eigentlich nicht angebracht, denn ich führe ein Interview. Aber es fühlt sich nicht an wie „ein Interview führen“, denn wir kennen uns beide schon einige Jahre – die Atmosphäre ist gelöst und locker.

Nichts als eine Steckdose.

Marie-Lene beschreibt Sofaconcerts.org als eine Online-Community, in der auf der einen Seite die Künstler Konzerte akquirieren und eine Fanbase aufbauen und auf der anderen Seite die Musikfans neue Musiker entdecken können. Das besondere dabei ist wohl der persönliche, vielleicht sogar intime Rahmen, in dem die Konzerte dann stattfinden.

Als Marie-Lene so von der Plattform erzählt, fällt das Wort Niedrigschwelligkeit. Sie betont, dass man weder als Gast noch als Musiker viel mitbringen muss. Eigentlich nur einen Raum und eine Steckdose. Ihr ist es wichtig, dass sich Musiker darauf einlassen und Offenheit mitbringen, denn jeder Gastgeber ist einzigartig und jeder Raum ist einzigartig. Dadurch entsteht bei jedem Konzert eine sehr intime Atmosphäre und ein individuelles Erlebnis, das nicht nach Schema F abläuft.

Ihr Gesicht fängt an zu strahlen, als sie davon erzählt, dass sie eine europaweite Anlaufstelle für Live-Musik werden wollen – auch über die Musikszene hinaus. Sie möchte gemeinsam mit ihrer Mitgründerin Miriam jene Menschen

ansprechen und einfangen, die zwar musikaffin sind aber keinen Zugang zur Musikszene haben. Das bezieht sich auf Musiker und Fans gleichermaßen.

„Wir wurden unterschätzt.“

Ich frage nach den Herausforderungen, die ihnen während der Gründung begegnet sind. Marie-Lene erzählt, dass sie vieles haben selber machen können wie z.B. den Bau der ersten Website. Bei z.B. juristischen Angelegenheiten aber kamen sie an einen Punkt, an dem sie Hilfe benötigten. Wenn sie vor Problemen oder Herausforderungen standen, dann hat es ihnen immer geholfen, die Situationen zu analysieren, ihre Mitmenschen um Rat zu fragen aber auch sich durch Blogs und Portale im Internet zu lesen. Und obwohl sie mit ihrer Businessidee zur Musikbranche zählten, fanden sie zunächst Anschluss und Unterstützung in der Start-up Szene. Erst durch den Kontakt zu den Musikern aber auch durch Förderprogramme wie z.B. den Music Worx Accelerator wuchsen sie in die Musikszene hinein. Dennoch hatten sie den Eindruck, dass sie sich in dieser Branche erst noch beweisen mussten. Aus heutiger Sicht, so erzählt Marie-Lene, spielten hierbei wohl zwei Dinge eine entscheidende Rolle: Zum einen sind sie zwei junge Frauen, die ihre Idee mit Leidenschaft verfolgten. Zum anderen ist die Musikbranche eine eher männlich dominierte Spielwiese und ein Buddy-Business. Sie aber sind Quereinsteiger.

Sie entschieden sich die Kommunikation durch die Medien mitzugestalten um anders wahrgenommen zu werden. Aus „zwei jungen Mädels“ wurden die „zwei Frauen“ bzw. die „zwei Geschäftsführerinnen“. Es gab weitere Stellschrauben, an denen sie drehten. Sie erkannten, dass die Inhalte Substanz haben müssen. Gerade dann, wenn es um Investorensuche ging, um die Bewerbung von Innovationsförderung oder um die Teilnahme an Wettbewerben. Auf Basis von Fakten und Ergebnissen müssen dann am Ende beim Pitch die Menschen mitgerissen und begeistert werden.

Aus heutiger Sicht wurden sie damals schlichtweg unterschätzt. Ich komme auf die Sozialen Netzwerke zu sprechen. Sie erzählt, dass für Sofa Concerts vor allem Facebook eine sehr große Bedeutung hat – nach innen zur Community selbst aber auch nach außen – auch wenn der Weg des Kanals selbst damals im Gehen entstanden ist. Dennoch haben sie eine starke Markenbindung aufbauen können. Das wohl besondere ist, dass Miriam und Marie-Lene ein Händchen haben, besonders emotionale Momente mit der Kamera einfangen zu können.

Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist der Flashmob aus dem vergangenen Sommer. In der Hamburger Innenstadt überraschte der Sänger Marvin Brooks verschiedene Passanten mit Livemusik:

Dieses Video erreichte über 20 Millionen Menschen, woraufhin die Facebook Community explodierte. Miriam und Marie-Lene begriffen, dass man handfeste Kriterien braucht, die die Leute begreifen und fassen können. An diesem Punkt konnten sie den Marketing- und Kooperationsgeschäftsbereich anfangen auszubauen.

„Eine gewisse Naivität schützt, sich auf Dinge einfach mal einzulassen.“

Ich frage nach Fehlern, die die beiden gemacht haben. Marie-Lene erklärt mir, dass ihnen Fehler unterlaufen sind, aber sie mit Schwierigkeiten, Fehlern und Problemen immer konstruktiv umgegangen sind und sie als Chance gesehen haben. Beide handeln immer sehr zielorientiert. Sie erzählt, dass man als Start-up so unter Druck steht Dinge voran zu bringen, dass da keine Energie ist, sich lange von Fehler aufzuhalten zu lassen. Ich freue mich als sie erzählt, dass eine gewisse Naivität schützt, sich auf Dinge einfach mal einzulassen. Sie haben sich stets eine positive Grundhaltung und ein stabiles Netzwerk bewahrt, auf das sie im Falle des Scheiterns zurückgefallen wären. Als sie sich entschieden hat, gemeinsam mit Miriam Sofaconcert.org zu gründen, hatte sie weniger zu verlieren als zu gewinnen. Daher war die Entscheidung klar: let’s go for it. Sie betont, dass eine Gründung sehr viel geben kann (z.B. Anerkennung) aber auch eine Menge nehmen kann (z.B. Energie, Lebenszeit etc.). Am Ende ist es nur ein Teil des großen ganzen.

Fühlst Du Dich angesprochen? Dann trage Dich HIER in meinen Newsletter ein und ich halte Dich auf dem Laufenden!

Fotocredit:
© Nicole Siemers